Private Kassen gefragt

Private Kassen gefragt

Die privaten Krankenversicherer profitieren erheblich von der Anfang Jahr in Kraft getretenen Gesundheitsreform.

Seit Januar haben sie den gesetzlichen Kassen Zehntausende Mitglieder abgeworben. Diese Entwicklung geht aus Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums hervor. Demnach wechselten von Januar bis April 39.670 Personen in eine private Krankenversicherung (PKV). Das sind fast 40 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres, als 28.577 Personen wechselten.

Für gesetzlich Versicherte ist ein Wechsel in die private Kasse seit Januar deutlich einfacher geworden.

Bereits nach dem einmaligen Überschreiten der Versicherungspflichtgrenze von in diesem Jahr 49.500 Euro können sie sich für die private Krankenversicherung entscheiden. Zuvor sah das Gesetz einen Wechsel erst nach drei aufeinanderfolgenden Jahren mit einem Verdienst oberhalb der Versicherungspflichtgrenze vor.

 

Das führte dazu, dass deutlich weniger Menschen in die private Krankenversicherung wechseln konnten. In diesem Jahr erwarten die privaten Unternehmen nun wieder ein deutlich anziehendes Neugeschäft.

 

Die Unternehmensberatung A.T. Kerney geht davon aus, dass im Vergleich zu den Vorjahren bis zu 80.000 Angestellte zusätzlich in die PKV wechseln könnten. „Für die Versicherer eine einmalige Chance, im Neugeschäft einen signifikanten Sprung zu machen.“

 

„Es ist gut und richtig, dass die Drei-Jahres-Wartefrist wieder abgeschafft wurde“, sagt der Sprecher des Verbandes der privaten Krankenversicherung, Stefan Reker. „Das bringt mehr Wahlfreiheit für die Versicherten. Wir freuen uns, wenn viele Versicherte diese Freiheit nutzen, um sich für die private Krankenversicherung zu entscheiden.“

 

Bei den beiden größten privaten Krankenversicherern, der Debeka und der DKV, ist die Wechselwelle bereits angekommen. „Wir spüren eine deutliche Belebung des Neugeschäfts“, sagt ein DKV-Sprecher, der keine genauen Zahlen nennen möchte. Die Debeka verzeichnete nach eigenen Angaben in den ersten drei Monaten des Jahres 14000 Neumitglieder aus der gesetzlichen Krankenversicherung. Sie konnte damit einen großen Teil der Wechselnden für sich gewinnen. „Es gibt eine spürbare Belebung“, sagt ein Sprecher.

 

Gesetzliche in Bedrängnis

 

Auf das Jahr hochgerechnet könnten die gesetzlichen Krankenkassen rund 120.000 Mitglieder an die private Krankenversicherung verlieren. Dadurch würden den Kassen mehr als 800 Millionen Euro an Beitragseinnahmen entgehen. Gegengerechnet werden müssen die Kosten, die die Wechsler bislang verursacht haben. Da sie überdurchschnittlich gesund sind, wird angenommen, dass sie mehr einzahlten als sie kosteten.

 

Wie viel Geld die Kassen netto verlieren werden, ist jedoch unklar. Die Schätzungen reichen je nach Urheber von 80 Millionen Euro (PKV) über 250 Millionen Euro (Regierung) bis hin zu mehr als 500 Millionen Euro (Krankenkassen). „Wir haben eine große Datenunklarheit in diesem Bereich“, sagt der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem von der Universität Duisburg-Essen. Er findet die Schätzung der Regierung am realistischsten.

 

Rund 250 Millionen Euro sind gemessen am Haushaltstopf der Krankenkassen zwar nicht sonderlich viel. Dies entspricht nur 0,03 Beitragssatzpunkten. Doch in der derzeit finanziell sehr angespannten Situation müssen die Kassen ohnehin jeden Euro zweimal umdrehen. Da kann eine Kasse schon in arge Bedrängnis geraten, wenn sie stark von dem Mitgliederschwund betroffen ist. Deshalb könnte nun wieder eine neue Debatte über Sinn der Gesetzesänderung beginnen.

Quelle: Frankfurter Rundschau

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