{"id":229,"date":"2012-02-15T19:08:05","date_gmt":"2012-02-15T19:08:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.finanzmanager24.com\/de\/?p=229"},"modified":"2012-02-15T19:08:05","modified_gmt":"2012-02-15T19:08:05","slug":"krankenversicherung-nie-mehr-zweite-klasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.finanzmanager24.com\/de\/pkv\/krankenversicherung-nie-mehr-zweite-klasse\/","title":{"rendered":"KRANKENVERSICHERUNG Nie mehr zweite Klasse"},"content":{"rendered":"<h2>In Deutschland steht eine Revolution bevor: Die Zeit der privaten Krankenversicherung neigt sich dem Ende zu. Was kommt nun?<\/h2>\n<p>Ein Mann rennt. Wahrscheinlich schwitzt er auch, man wei\u00df es nicht, weil auf dem Fernsehschirm minutenlang nur Beine zu sehen sind. Der Werbespot endet mit einer ber\u00fchmten Zeile: \u00bbAm 31. ist W\u00fcstenrot-Tag!\u00ab Klar, warum der Mann so rennt: Bis zum Stichtag muss er etwas Dringendes bei seiner Bank erledigen.<\/p>\n<p>Der kleine Film wurde drei\u00dfig Jahre lang in verschiedenen Versionen im Fernsehen gezeigt. Ein Klassiker, der neuerdings sozialdemokratische Politiker inspiriert. \u00bbW\u00fcstenrot-Tag\u00ab nennen sie bei der SPD einen Stichtag, an dem eine neue \u00c4ra f\u00fcr den deutschen Sozialstaat anbrechen soll. Der \u00bbW\u00fcstenrot-Tag\u00ab soll das Ende der Zweiklassenmedizin einl\u00e4uten: den Abschied von einem Gesundheitswesen, in dessen Wartezimmern, Reha-Kliniken und Operationss\u00e4len zwischen Kassenpatienten und Privatversicherten unterschieden wird.<\/p>\n<p>Entschieden wird zwar fr\u00fchestens nach der n\u00e4chsten Bundestagswahl im Herbst 2013, aber in diesen Wochen und Monaten kippt die Stimmung \u2013 in der Politik, in den Medien, bei den Versicherten und sogar in Teilen der Versicherungsbranche. Die private Krankenversicherung (PKV), so wie sie im Augenblick besteht, gilt nicht mehr als zukunftstaugliches Modell. Eine klassenlose Gesellschaft zeichnet sich ab, wenn auch nur im Gesundheitssystem.<\/p>\n<p>Der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn wirbt gerade in seiner Partei daf\u00fcr, eine neue Versicherung f\u00fcr alle zu konzipieren, ohne Zweiklassenmedizin. \u00bbDas derzeitige Nebeneinander von zwei Systemen ist nur noch historisch zu begr\u00fcnden und hat kaum noch Akzeptanz\u00ab, sagt er. \u00bbDie private Krankenversicherung wird sich ver\u00e4ndern m\u00fcssen.\u00ab<\/p>\n<p>In der SPD sind die Reformpl\u00e4ne schon weit gediehen, sie sind allerdings weniger radikal als noch vor einigen Jahren. Auf ihrem Parteitag im Dezember 2011 beschlossen die Genossen ein Konzept, das, wie Gesundheitsexperte Karl Lauterbach meint, \u00bbauch ein attraktives Angebot f\u00fcr wechselwillige Privatversicherte sein soll\u00ab. Das Modell ist einfacher, H\u00e4rten f\u00fcr Gutverdiener wurden trotz des Protestes des linken Parteifl\u00fcgels gestrichen.<\/p>\n<p>Es geht dabei nicht um eine Abschaffung der privaten Krankenversicherung per Dekret, sondern darum, dass f\u00fcr alle Versicherungen dieselben Regeln gelten \u2013 f\u00fcr die Erhebung der Beitr\u00e4ge oder die Bezahlung von Arzthonoraren. Wenn die Reform in Kraft tritt, soll es nach den SPD-Pl\u00e4nen in Deutschland m\u00f6glich sein, zwischen privaten und gesetzlichen Versicherungen hin und her zu wechseln, bis zum \u00bbW\u00fcstenrot-Tag\u00ab eben. Das gab es bisher noch nicht. Denn so entst\u00fcnde ein Wettbewerbsdruck, bei dem nur noch die Kassen \u00fcberleben, die ein wirklich \u00fcberzeugendes Angebot vorlegen.<\/p>\n<p>Als Vorbild gelten die Niederlande, wo die Regierung 2006 etwas \u00c4hnliches entschied: Jeder F\u00fcnfte der sechzehn Millionen niederl\u00e4ndischen Versicherten wechselte damals innerhalb weniger Wochen seinen Anbieter. Bei vielen Kassen standen zwei Monate lang die Telefone nicht still. Einige Versicherungen verloren auf einen Schlag mehrere Hunderttausend Kunden, bei anderen mussten die Mitarbeiter auch nachts arbeiten, um mit der Beratung neuer Mitglieder hinterherzukommen.<\/p>\n<p>In Deutschland geh\u00f6ren heute ungef\u00e4hr 85 Prozent einer gesetzlichen Krankenkasse an mit ihren einheitlichen Leistungen f\u00fcr alle, der kostenlosen Absicherung f\u00fcr Familienangeh\u00f6rige und Beitr\u00e4gen, die vom Einkommen abh\u00e4ngen. Der Rest, etwa 8,9 Millionen Menschen, hat einen Vertrag mit einer privaten Krankenversicherung wie der Debeka oder der DKV. Diese Versicherten bekommen Rechnungen vom Zahnarzt oder Krankenhaus, die sie einreichen m\u00fcssen. Ihre Beitr\u00e4ge werden Pr\u00e4mien genannt, die H\u00f6he h\u00e4ngt vor allem vom Krankheitsrisiko und vom Leistungsumfang ab. Meistens verdienen \u00c4rzte und Kliniken besonders gut an Privatversicherten, die deswegen oft schneller Termine bekommen als Kassenpatienten.<\/p>\n<p>Lange schienen die Unterschiede zwischen beiden Welten st\u00e4ndig gr\u00f6\u00dfer zu werden. Schmucke Arztpraxen und Kliniken er\u00f6ffneten, die ausschlie\u00dflich Privatversicherte annahmen. Patienten zweiter Klasse mussten, getrennt von den Privaten, in ihren kargen Wartezimmern oft l\u00e4nger sitzen. In den Genuss bestimmter, besonders aufwendiger Behandlungen kam meist nur noch die erste Klasse \u2013 Kassenpatienten durften daf\u00fcr extra zahlen.<\/p>\n<p>Neuerdings jedoch wenden sich mehr und mehr junge, gut verdienende Versicherte an Beratungsstellen: Sie suchen nach einem Ausweg aus dem privaten System. Melanie Taprogge ist eine von ihnen: \u00bbMir ist die Freiheit genommen, selbst zu entscheiden\u00ab, klagt die 37-j\u00e4hrige Frau aus Berlin. Als Angestellte im \u00f6ffentlichen Dienst war sie lange eine zufriedene Kassenpatientin, dann wurde sie Beamtin und wechselte in die PKV. Als Kassenpatientin h\u00e4tte sie den H\u00f6chstsatz zahlen und auf die Beihilfe verzichten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Das war vor eineinhalb Jahren. Inzwischen ist Melanie Taprogge aber wieder angestellt, sie hat einen F\u00fchrungsposten bei der Telekom und will zur\u00fcck in die gesetzliche Krankenversicherung. Sie l\u00e4sst ihren Fall von der AOK pr\u00fcfen, obwohl sie dort sogar einen deutlich h\u00f6heren Monatsbeitrag zahlen m\u00fcsste. Vermutlich wird das aber nicht gelingen. Ihr Einkommen liegt \u00fcber der sogenannten Versicherungspflichtgrenze. Daher ist der Wechsel nicht erlaubt. \u00bbVielleicht gibt es doch eine Regelungsl\u00fccke\u00ab, hofft sie nun.<\/p>\n<p>Der Fall Taprogge zeigt: In Deutschland sind neuerdings nicht mal mehr die vermeintlichen Luxuspatienten zufrieden. Die private Krankenversicherung hat immer weniger Anh\u00e4nger:<\/p>\n<p>Die Versicherten klagen \u00fcber exorbitant hohe Beitr\u00e4ge f\u00fcr alte Menschen, schnell steigende Pr\u00e4mien f\u00fcr die Jungen und \u00fcber Rechnungen, die nicht komplett ersetzt werden. Axel Kleinlein, Chef des Bundes der Versicherten, sch\u00e4tzt, dass mindestens jeder vierte Privatpatient ins gesetzliche System wechseln m\u00f6chte. Momentan sei dieser Wunsch in Beratungsgespr\u00e4chen das \u00bbThema Nummer eins\u00ab, weil zur Jahreswende viele Pr\u00e4mien gestiegen sind.<\/p>\n<p>Mit den Klagen \u00e4ndert sich das \u00f6ffentliche Bild der PKV, deren Versicherte vor Kurzem noch als Gewinner galten. \u00bbEs ist an der Zeit, mit dem Mythos vom privilegierten Privatpatienten aufzur\u00e4umen, er ist oft ein armes Schwein\u00ab, notierte der stern.<\/p>\n<p>Die Versicherungsunternehmen kommen mit dem steigenden Kostendruck nicht zurecht und haben sich zuletzt sehr ungeschickt verhalten. Die einen ruinieren vor lauter Sparzwang ihren Ruf bei den Kunden; andere haben erfolglos mit Billigtarifen f\u00fcr junge Kunden experimentiert. Was fehlt, ist eine \u00fcberzeugende Vision.<\/p>\n<p>Ohnehin steckt hinter der Aufteilung des Marktes in gesetzliche Kassen und private Versicherungen keine schl\u00fcssige Idee. Die Trennung verl\u00e4uft weder zwischen Arm und Reich noch zwischen Freunden des Marktes und staatstreuen Kassenfans, wie h\u00e4ufig unterstellt wird. Unterschieden wird nach Berufsgruppen: Angestellte geh\u00f6ren ins Kassensystem, sofern sie nicht gut verdienen und freiwillig wechseln. Beamte und Selbstst\u00e4ndige versichern sich bei den Privaten. Immerhin 47,5 Prozent aller Privatversicherten sind Beamte, die oft weniger verdienen als der durchschnittliche Kassenpatient. Momentan verk\u00fcndet die PKV zwar stolz, dass ihre Mitgliederzahl wachse \u2013 mit Marktwirtschaft hat das aber weniger zu tun als mit staatlicher Personalpolitik: Die L\u00e4nder heben gerade viele Mitarbeiter in den Beamtenstand. Das bedeutet automatisch Zuwachs f\u00fcr die PKV.<\/p>\n<p>Harten Wettbewerb findet man zwischen privaten Versicherungen seltener als zwischen den gesetzlichen Krankenkassen, aus einem einfachen Grund: Kassenpatienten k\u00f6nnen leichter wechseln. Der Sprung von der Barmer zur AOK oder umgekehrt ist keine gro\u00dfe Sache. Die PKV jedoch baut Altersr\u00fcckstellungen auf. Sie legt einen Teil der Pr\u00e4mien f\u00fcr die Altersjahre ihrer Kunden zur\u00fcck, die beim Wechsel des Versicherers verfallen. Deshalb ist die K\u00fcndigung f\u00fcr langj\u00e4hrige Versicherte ein schlechtes Gesch\u00e4ft.<\/p>\n<p>\u00bbGerade junge Menschen untersch\u00e4tzen, dass sie sich an ihre private Versicherung praktisch bis ans Lebensende binden\u00ab, warnt Ilona K\u00f6ster-Steinebach, Gesundheitsexpertin beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. Sie wirft den PKV vor, gerade junge Selbstst\u00e4ndige mit niedrigen Pr\u00e4mien zu locken, die sp\u00e4ter schnell steigen und die Versicherten schnell \u00fcberfordern. \u00dcber die Frage, ob sie manchmal auch die Privaten empfehle, kann sie nur lachen: \u00bbWenn Sie gut verdienen, total sicher sind, dass das lebenslang so bleibt, und wenn sie au\u00dferdem keine Kinder haben \u2013 dann k\u00f6nnen wir Ihnen die PKV empfehlen. Aber wer wei\u00df das alles schon so genau?\u00ab<\/p>\n<p>Die Sorge um rasche Pr\u00e4miensteigerungen im Alter besteht zu Recht \u2013 auch wenn die Privatversicherungen stolz auf ihre Altersr\u00fcckstellungen verweisen und auf neuartige Tarife, bei denen die Kunden besonders viel f\u00fcrs Alter zur\u00fccklegen k\u00f6nnen. Beides aber wird steigende Kosten nicht ausgleichen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Lange existierte f\u00fcr die PKV das Problem der finanziell hoch belasteten \u00e4lteren Menschen kaum. Bis zur Jahrtausendwende konnten Privatversicherte in jungen Jahren erst die niedrigen PKV-Tarife genie\u00dfen und dann im Alter ins gesetzliche System wechseln. Diese M\u00f6glichkeit schaffte Rot-Gr\u00fcn im Jahr 2000 ab.<\/p>\n<p>Noch heute hat die PKV j\u00fcngere Versicherte als die gesetzliche Konkurrenz, aber dank der neuen Regelung wird der Unterschied kleiner. Man wird ihn kaum sp\u00fcren, wenn die geburtenstarken Jahrg\u00e4nge in den Ruhestand wechseln. Und dann bekommen viele Babyboomer als Privatversicherte ein doppeltes Problem: Sie erhalten weniger Rente und m\u00fcssen davon steigende Gesundheitskosten finanzieren. Im Alter zahlt der Arbeitgeber nicht mehr die H\u00e4lfte der Beitr\u00e4ge, deshalb sind die Lasten viel gr\u00f6\u00dfer als bei Kassenpatienten, deren Beitrag von der Rentenh\u00f6he abh\u00e4ngt. Am schlimmsten wird es geringverdienende Selbstst\u00e4ndige treffen, denen ohnehin meistens eine gute Alterssicherung fehlt.<\/p>\n<p>Ihnen droht, was Marcelle Englebert schon jetzt erlebt. In etwa zwei Jahren sind alle Ersparnisse der 65-j\u00e4hrigen Rentnerin aus Frankfurt aufgezehrt, dann wird sie ihre Krankenversicherung nicht mehr bezahlen k\u00f6nnen. \u00bbIch habe Angst\u00ab, sagt sie. \u00bbIch will doch kein Sozialfall werden.\u00ab Englebert hat fast f\u00fcnfzig Jahre lang gearbeitet, zehn Jahre war sie Stewardess, sp\u00e4ter Bankkauffrau. Mit 58 Jahren ging sie in den Vorruhestand, sie hatte schlimme Entz\u00fcndungen in Arm und Schulter und konnte nicht mehr arbeiten. Ihre Rente wurde um rund zehn Prozent gek\u00fcrzt auf rund 1.100 Euro pro Monat.<\/p>\n<p>Davon zahlt Englebert 435 Euro f\u00fcr ihre private Krankenversicherung, obwohl sie einen Tarif ohne Zusatzleistungen und eine Selbstbeteiligung von 3.800 Euro im Jahr gew\u00e4hlt hat. Um Versicherungen, Miete und Essen bezahlen zu k\u00f6nnen, legt die Rentnerin jeden Monat etwas von ihrem Ersparten dazu. Nun sind die R\u00fccklagen fast aufgebraucht, und sie wei\u00df nicht, wie es weitergehen soll. \u00bbIch gehe schon gar nicht mehr zum Arzt\u00ab, sagt sie. Sie braucht dringend eine Zahnbehandlung, zwei neue Kronen, aber das kann sie sich nicht leisten. Wegen der hohen Selbstbeteiligung m\u00fcsste sie alles selbst bezahlen.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher lie\u00dfen sich Lebensl\u00e4ufe besser planen \u2013 das ist einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr die steigende Unzufriedenheit der Privatpatienten. Selbstst\u00e4ndige rutschten seltener in die Armut, Ehen wurden seltener geschieden. Deshalb gab es weniger Schicksale wie das von Angelika Zegelin. Die 57-J\u00e4hrige aus Recklinghausen ist schwer krank und hat keinen Versicherungsschutz \u2013 ohne eigene Schuld. Sie geh\u00f6rt zu einer Gruppe, die im bestehenden Zweiklassensystem besonders schlecht wegkommt: Es sind die geschiedenen Frauen von Beamten. F\u00fcr sie ist die geltende Rechtslage der blanke Horror: W\u00e4hrend der Ehe sind sie \u00fcber den Ehemann gut abgesichert und m\u00fcssen sich nach der Scheidung neu privat versichern, oft zu extrem ung\u00fcnstigen Bedingungen, obwohl sie von wenig Unterhalt oder Rente leben.<\/p>\n<p>Angelika Zegelin war Mitte der Neunziger \u00fcber ihren Mann in die private Krankenversicherung gekommen. Davor hatte sie fast drei\u00dfig Jahre lang in die gesetzliche Kasse eingezahlt. Vor zehn Jahren trennte sich ihr Mann von ihr, Zegelin konnte aber nicht in ihre alte Kasse zur\u00fcck. Sie ist zu alt f\u00fcr den Wechsel und muss weiterhin die Kosten der privaten Versicherung tragen. Nach mehreren Operationen ist sie zu 80 Prozent behindert und ben\u00f6tigt \u00e4rztliche Hilfe, kann aber ihre Beitr\u00e4ge nicht bezahlen. Sie bekommt 700 Euro Rente, 600 Euro davon soll sie an die Krankenversicherung abgeben. Seit einem Jahr hat sie kein Geld mehr \u00fcberwiesen und verzichtet auf Arztbesuche. Noch geht das, aber die alte Frau hat Angst davor, dass ihr Zustand sich verschlechtert.<\/p>\n<p>Die private Krankenversicherung f\u00fchlt sich durch solche F\u00e4lle \u00fcberfordert. Dass es verzweifelte Menschen gibt, die im gesetzlichen System besser aufgehoben w\u00e4ren, bestreitet auch dort niemand. Doch andererseits k\u00f6nne man nicht f\u00fcr jede Scheidung, jede Unf\u00e4higkeit, f\u00fcr das Alter angemessen vorzusorgen, und auch nicht f\u00fcr jede Unternehmenspleite eines Selbstst\u00e4ndigen die Verantwortung \u00fcbernehmen, hei\u00dft es beim Berliner Branchenverband. Eigentlich sieht man sich als Dienstleister f\u00fcr eine Elite, die nicht nur bereit, sondern vor allem in der Lage ist, f\u00fcr bessere Leistungen mehr zu zahlen, auch im Alter.<\/p>\n<p>So hatte die private Krankenversicherung ihre Existenz jahrelang begr\u00fcndet: als Luxusangebot f\u00fcr Gutverdienende, das vielen \u00c4rzten zus\u00e4tzliche Eink\u00fcnfte verschaffte und nebenher auch noch die gesetzlichen Krankenkassen mit seinen umfangreichen Angeboten unter Druck setzte. \u00bbDass die gesetzliche Krankenversicherung in Deutschland mehr Leistungen anbietet als fast alle anderen Gesundheitssysteme der Welt, hat ganz klar auch mit der Konkurrenz durch uns zu tun\u00ab, sagt Volker Leienbach, Direktor des PKV-Verbandes. Viele Jahre teilten Gesundheitspolitiker aller Parteien diese Sicht, die an das Argument erinnert, nur die Nachbarschaft zur sozialistischen DDR habe den umfangreichen westdeutschen Sozialstaat der Nachkriegsjahre m\u00f6glich gemacht.<\/p>\n<p>Doch aus zwei Gr\u00fcnden stimmt das Selbstbild der Branche heute nicht mehr. Die Versicherten haben sich ver\u00e4ndert \u2013 und die Kostensteigerungen sind kaum noch in Grenzen zu halten. Beides haben die Unternehmen mitverschuldet. Einige Anbieter, die Central Krankenversicherung beispielsweise, haben in den vergangenen Jahren gezielt mit Pr\u00e4mien unter hundert Euro um junge Selbstst\u00e4ndige geworben, denen aber h\u00e4ufig eine solide wirtschaftliche Basis fehlte. Inzwischen klagt die Branche laut \u00fcber Nichtzahler, die ihre Pr\u00e4mien nicht \u00fcberweisen, denen die Versicherung laut Gesetz aber nicht k\u00fcndigen d\u00fcrfe. Jetzt will die Bundesregierung mit einem Gesetz die Verluste der Branche begrenzen, doch f\u00fcr einige Anbieter kommt das zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Dann gibt es noch einen anderen Typ von Versicherten, die oft unzufrieden sind: Kunden, die der Branche vom Gesetzgeber vor drei Jahren mit einer Versicherungspflicht f\u00fcr alle aufgezwungen wurden. Die PKV-Unternehmen d\u00fcrfen seit 2009 niemanden mehr abweisen, sie m\u00fcssen Vertr\u00e4ge mit dem sogenannten Basistarif anbieten, der allerdings mit knapp 600 Euro Monatspr\u00e4mie f\u00fcr Leistungen unter dem Niveau der gesetzlichen Krankenkassen sehr teuer ist. \u00bbWer den Basistarif nutzt, hat oft Schwierigkeiten, einen Arzt zu finden, der ihn behandelt\u00ab, warnt die Berliner Anw\u00e4ltin Sabrina Sokoloff. \u00bbEs ist ein Loser-Tarif, zu dem man nicht raten kann, wenn es eine Alternative gibt.\u00ab<\/p>\n<p>Reinhard von Zuccalmaglio hatte keine Wahl. Der Pension\u00e4r aus Frankfurt hatte fr\u00fcher gar keine Versicherung. F\u00fcr den ehemaligen Beamten beglich die Beihilfe 70 Prozent jeder Arztrechnung, den Rest zahlte er selbst aus seinem Ersparten. Doch als die Versicherungspflicht eingef\u00fchrt wurde, brauchte von Zuccalmaglio wieder eine Privatversicherung.<\/p>\n<p>Die Allianz schlug ihm, wegen fr\u00fcherer Krankheiten, eine Monatspr\u00e4mie von 6.255 Euro vor. Von Zuccalmaglio wehrte sich, er schrieb an die Aufsichtsbeh\u00f6rden, verlangte eine genaue \u00e4rztliche Pr\u00fcfung seines Gesundheitszustands. Am Ende korrigierte sich die Versicherung nur in einem Punkt: Da von Zuccalmaglio Beihilfe beziehe, betrage der Risikozuschlag 1.859 Euro. Der Pension\u00e4r verzichtete trotzdem \u2013 er begn\u00fcgte sich mit dem billigen Basistarif.<\/p>\n<p>\u00bbWir brauchen ein System, in dem jeder seine Versicherung selbst aussuchen kann\u00ab, fordert von Zuccalmaglio. Vor ihm in seiner Frankfurter Wohnung liegt ein wei\u00dfer Ordner, in dem Dutzende von Rechnungen abgeheftet sind. Oft muss er wegen der Erstattung kleinster Betr\u00e4ge korrespondieren \u2013 so ist das nun mal im Billigtarif. Mitte Januar teilte ihm die Allianz mit, dass er f\u00fcr ein Medikament zehn Cent zu viel bezahlt habe. Es hatte 12,52 Euro gekostet. \u00bbSie haben ein Arzneimittel zur Erstattung eingereicht, dessen Preis den g\u00fcltigen Apothekenverkaufspreis \u00fcberschreitet\u00ab, schrieb die Allianz.<\/p>\n<p>Lange zahlten die privaten Krankenversicherungen oft auch dann, wenn sie nicht mussten. Darauf kann heute niemand mehr z\u00e4hlen. Seit f\u00fcnf Jahren sitzen im Anwaltsb\u00fcro von Sabrina Sokoloff regelm\u00e4\u00dfig Privatversicherte, die wegen der Erstattung von Leistungen prozessieren. \u00bbDas gab es fr\u00fcher gar nicht\u00ab, sagt die Juristin. \u00bbMan merkt den Kostendruck in der Branche ganz extrem.\u00ab Regelm\u00e4\u00dfig wird dieser Druck in Pr\u00e4mienerh\u00f6hungen weitergegeben. \u00bbIm ersten Moment denkt man an Abzocke\u00ab, sagt Uwe Scherer. In den vergangenen drei Jahren hat sich sein Versicherungsbeitrag fast verdoppelt, Anfang 2010 zahlte er 118,25 Euro monatlich, inzwischen sind es 227,35 Euro \u2013 bei einem Tarif mit einer Selbstbeteiligung von 3.500 Euro im Jahr. Der 55-j\u00e4hrige Makler entschied sich Anfang der achtziger Jahre f\u00fcr eine private Versicherung mit besonders niedrigen Beitr\u00e4gen, zun\u00e4chst war er auch sehr zufrieden. \u00bbEin echter Rolls-Royce-Tarif\u00ab erinnert er sich. Nun ist er \u00bbstinksauer\u00ab, schlie\u00dflich stieg im Vorjahr sein Beitrag um 45 Prozent, im Jahr 2010 um knapp 40 Prozent \u2013 zun\u00e4chst bekam der Versicherte nicht einmal eine Begr\u00fcndung daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Noch eine dritte Gruppe von unzufriedenen Versicherten \u00e4rgert sich, sie zieht aber seltener vor Gericht: die \u00fcberversorgten Privatpatienten, an denen \u00c4rzte herumdoktern, um zu verdienen. So bestreiten Politiker auch nicht mehr, dass durch das Nebeneinander von privaten und gesetzlichen Kassen Geld oft falsch eingesetzt wird, jedenfalls nicht so, wie es der Gesetzgeber beiden Systemen vorschreibt: f\u00fcr das \u00bbmedizinisch Notwendige\u00ab.<\/p>\n<p>\u00bbEs gibt gleichzeitig eine \u00dcber- und Unterversorgung\u00ab, sagt der Professor f\u00fcr Gesundheits\u00f6konomie und Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach. Zehn Jahre sind vergangen, seit er in einer Expertenkommission der damaligen rot-gr\u00fcnen Bundesregierung ein Gegenmodell zur Zweiklassenmedizin erfand: die B\u00fcrgerversicherung. Weg mit allen Unterschieden zwischen Privat- und Kassenpatienten \u2013 das war Lauterbachs Vorschlag. So einfach, so revolution\u00e4r. Alle B\u00fcrger sollten Mitglieder im Solidarsystem werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Idee gab es zun\u00e4chst wenig Unterst\u00fctzung. Der damalige Kommissionschef Bert R\u00fcrup wollte ebenfalls eine gro\u00dfe Reform, aber ein ganz anderes Modell, die sogenannte Kopfpauschale, f\u00fcr die sich sp\u00e4ter Angela Merkel als Bundeskanzlerin einsetzte. Auch die SPD war nicht begeistert. Als Gerhard Schr\u00f6der erfuhr, dass die Professoren seiner Expertenrunde sich wieder einmal nicht einig waren, tobte er und k\u00fcndigte an, er werde die Kommission aufl\u00f6sen, falls das so weitergehe. Aber seitdem ist die Idee, der in Umfragen immer viele B\u00fcrger zustimmten, immer noch auf dem Tisch. Lauterbach, damals noch hauptamtlich Hochschullehrer und eher ein Neuling in der Politik, tourte gemeinsam mit Andrea Nahles durch seine Partei, um f\u00fcr die Idee zu werben. Die Gr\u00fcnen und die Linkspartei entschieden sich f\u00fcr ein \u00e4hnliches Modell.<\/p>\n<p>Heute ist seltener von der B\u00fcrgerversicherung die Rede \u2013 dabei war es nie so wahrscheinlich wie heute, dass es sie oder ein vergleichbares System tats\u00e4chlich in Deutschland geben wird. Falls SPD und Gr\u00fcne gemeinsam regieren sollten, ist dies so gut wie sicher. Aber selbst im Fall einer Gro\u00dfen Koalition werden viele Unterschiede zwischen beiden Gesundheitswelten, zwischen Kassen und Privatversicherungen verschwinden. \u00bbViele Kassen im Wettbewerb, keine Einheits-AOK\u00ab, fordert Jens Spahn, CDU. Aber gleiche Spielregeln f\u00fcr alle Versicherten will auch er. Mit dem CSU-Landesminister Markus S\u00f6der hatte er schon einen gemeinsamen Vorschlag entworfen, bevor der von der Gesundheits- in die Finanzpolitik wechselte. Gut m\u00f6glich jedenfalls, dass die Union nach Mindestlohn, Elterngeld und Wehrpflicht mit der B\u00fcrgerversicherung am Ende ein weiteres Thema der Opposition \u00fcbernimmt. \u00bbAm Ende\u00ab, glaubt Spahn, \u00bbwerden gro\u00dfe Reformen in Deutschland oft von der Partei gemacht, von der man es nicht erwartet.\u00ab<\/p>\n<p>Voraussetzung daf\u00fcr, dass die Professorenidee von einst Realit\u00e4t werden kann, ist allerdings die Wahlfreiheit der Versicherten und eine neue Verg\u00fctungsordnung f\u00fcr \u00c4rzte. Zur Idee der B\u00fcrgerversicherung geh\u00f6rt, dass ein Arzt an Patienten der beiden Versicherungssysteme gleich viel verdient. Dann ist Schluss mit der Zweiklassenbehandlung, und die PKV wird automatisch weniger attraktiv. Daf\u00fcr muss die Regierung die Regeln \u00e4ndern \u2013 und daf\u00fcr sorgen, dass die \u00c4rzte an Kassenpatienten mehr verdienen als vorher. Sonst w\u00e4re die B\u00fcrgerversicherung f\u00fcr die \u00c4rzteschaft eine brutale Einkommensk\u00fcrzung.<\/p>\n<p>Die Freiheit, die Kasse zu wechseln, ist ebenso wichtig. Daf\u00fcr g\u00e4be es dann den \u00bbW\u00fcstenrot-Tag\u00ab. Lauterbach rechnet damit, dass ein gro\u00dfer Teil der Privatpatienten dann in das gesetzliche System abwandert \u2013 \u00e4ltere ohnehin, weil sie weniger zahlen m\u00fcssten, aber auch viele j\u00fcngere Menschen wie Taprogge, die das Solidarsystem sch\u00e4tzen, hohe Alterslasten vermeiden wollen oder sich schlicht das Einreichen von Quittungen sparen wollen.<\/p>\n<p>Die privaten Versicherungen w\u00fcrden dadurch weniger geschw\u00e4cht, als es auf den ersten Blick scheint: Wer von der privaten zur gesetzlichen Versicherung wechselt, m\u00fcsste auf seine Altersr\u00fcckstellungen verzichten. Die Kriegskasse der Privaten w\u00fcrde also mit jedem Abgang aufgestockt \u2013 und w\u00fcrde deren Chancen verbessern, in einem neuen Versicherungsmarkt zu bestehen.<\/p>\n<p>Einige B\u00fcrger planen schon fest mit der neuen Versicherungswelt, der Rentner G\u00fcnter Held beispielsweise. Er ist \u00bbvor der Versicherungspflicht geflohen\u00ab, wie er sagt \u2013 nach Sri Lanka. Wer in Deutschland keinen Wohnsitz hat, muss sich nicht privat versichern. Held hat fr\u00fcher in der Versicherungsbranche gearbeitet, er kennt sich aus, und als die neue Versicherungspflicht f\u00fcr alle eingef\u00fchrt wurde, beschloss er, kein Geld f\u00fcr eine schlechte Absicherung im Basistarif ausgeben zu wollen. Er f\u00fchlt sich wohl in Asien, und er hat auf diese Weise knapp 600 Euro mehr zum Leben. Und er rechnet fest damit, dass er in einigen Jahren zur\u00fcckkehren wird, weil im deutschen Gesundheitssystem dann ganz andere Regeln gelten. Fast egal, welche Mehrheit dann regiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>QUELLE: DIE ZEIT, 2.2.2012 Nr. 06<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Deutschland steht eine Revolution bevor: Die Zeit der privaten Krankenversicherung neigt sich dem Ende zu. Was kommt nun? Ein Mann rennt. Wahrscheinlich schwitzt er auch, man wei\u00df es nicht, weil auf dem Fernsehschirm minutenlang nur Beine zu sehen sind. 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